Mittwoch, 25. Juni 2025
Acqui Terme
Da wir nach der langen Fahrt dringend eine Toilette brauchen und hoffen, dass es am Bahnhof solch eine öffentliche Einrichtung gibt, steuern wir erst einmal dorthin. Zu Fuß dauert das zehn Minuten. Im Bahnhof gibt es aber nicht nur ein Klo, sondern auch ein Bahnhofsbistro und was für eins!
- Im Bahnhof von Acqui Terme
- Abgestellte Züge
Cappuccino, Teil 1
Aus einer Gewohnheit heraus, ohne große Erwartungen, bestellen wir zwei Cappuccini. Doch was wir bekommen, ist eine kleine Offenbarung. Die Wirtin – eine ältere Dame mit ruhigen, geübten Bewegungen – nimmt sich Zeit. Keine Maschine, die einfach auf Knopfdruck arbeitet. Sie schäumt die Milch mit Gefühl, nicht mit Hast, und dann kommt dieser Moment, in dem sie die Milch regelrecht in den Kaffee „zittert“. Ganz langsam, in feinen Bewegungen, als ob sie ein kleines Kunstwerk malt. Kein Latte-Art-Herzchen, kein Schnickschnack – einfach Präzision und Hingabe. Und wisst ihr, was die Nonna del Cappuccino für eine Tasse verlangt? 1,50 €! Wir zahlen mit dem Rausgeld aus der Mautstelle und legen noch 1,70 € dazu.
- Wir genießen den Bistro-Cappuccino.
- Der beste Cappuccino ever …
Dann der erste Schluck: unglaublich. Vollmundig, weich, cremig, mit genau dem richtigen Verhältnis zwischen bitterem Espresso und süßer, samtiger Milch. So einen guten Cappuccino haben wir noch nie im Leben getrunken, nicht in Berlin, nicht in Genua und auch nicht am Mandichosee, wo Susanne immer meinte, dass der Cappuccino dort am besten sei. Manchmal sind es gerade die unerwarteten Orte, an denen Italien sein ganzes Können zeigt – mit einem Schluck Kaffee, der alles sagt.
So überwältigt machen wir uns auf, die Fontana della Bollente zu suchen, die Quelle, wegen der ich vorrangig Acqui Terme auf unsere Reiseliste gesetzt habe. Die bereits in der römischen Antike bekannte Quelle ist das Wahrzeichen Acqui Termes. Aus ihr sprudeln pro Minute mehr als 500 Liter salso-bromo-jodhaltiges Wasser, das besonders wohltuend für Haut und Atemwege sein soll.
Der Fußweg am Parco del Castello vorbei ist angenehm schattig, ebenso die Ostseite der Via Cardinal Luigi. Es ist dreiviertel eins und die Gasse ist menschenleer.
- Jedes Schattenplätzchen wird genutzt.
- Acqui Terme ist menschenleer.
Bollente – Zum Anfassen zu heiß
Kurz vor eins erreichen wir dann die Piazza della Bollente, auf der sich ein achteckiger Marmor-Tempel befindet, der 1879 vom Architekten Giovanni Ceruti erbaut wurde. Dort davor sprudelt die berühmte Fontana della Bollente. Tempel und Vorplatz dienen heute als Schutz für die Quelle sowie als ästhetisches Element in der Stadt.
- Marmortempel
- Blumenkranz zum bevorstehenden 70. Geburtstag
Susanne ist vollkommen fasziniert von Acqui Terme – vom Cappuccino, den wir getrunken haben, von der Allee beim Parco del Castello, von der Via Cardinal Luigi – und natürlich von mir.
Doch bevor wir zur Quelle selbst gehen, wird Susanne plötzlich von einem riesigen, senkrecht stehenden Blumenkranz angezogen – kunstvoll geflochten, wie ein floraler Bilderrahmen. Ohne lange zu überlegen, stellt sie sich mitten hinein – wie eine lebendige Postkarte aus dem Urlaub. Keine Ahnung, warum sie das tut. Vielleicht weil sie Acqui Terme berührt, vielleicht, weil sie sich einfach wohlfühlt oder vielleicht, weil es einfach schön ist, sich mitten im Urlaub wenigstens kurz mal wie eine gefeierte Person zu fühlen – schließlich ist ihr 70. Geburtstag nicht mehr allzu fern.
Mich erinnert das Ganze sofort an unsere Silberhochzeit während des Moskau-Urlaubs 2017. Auch dort gab es einen riesigen, aufrecht stehenden Blumenkranz, allerdings herzförmig und wir beide mittendrin. Manche Motive kehren eben immer wieder.
Jetzt aber vor zur Quelle und die Hände abkühlen. Das hätte Susanne aber besser lassen sollen, denn das Wasser ist 75°C heiß. Die Legende besagt, dass Neugeborene früher kurz in das heiße Wasser getaucht wurden, um ihre Widerstandsfähigkeit zu testen. Überlebten sie, wurden sie als „Sgaientò“ bezeichnet, was so viel wie „verbrüht“ bedeutet. Meine „sgaientà“ scheint auch robust zu sein. Sie hat auch überlebt.
- Quelle mit 75 Grad heißem Wasser
- Vor der Quelle
Fontänen, Fotospots und falsche Wege
Rechts von der Quelle entdecken wir die kleine, charmante Via Alessandro Manzoni. Ein idealer Ort für ein kleines Fotoshooting mit meiner Signora.
- Fotoshooting in einem der Gässchen
- Mal kurz die Bilder checken
Wir gehen wieder zurück zur Piazza Della Bollente und dann über den Corso Italia weiter Richtung Piazza Italia. Links hoch ein weiteres Kleinod, die Treppenstufen der Vicolo della Schiavioa.
- Romantisches Gässchen in Acqui Terme
- Treppenstufen der Vicolo della Schiavioa
Und als wär’s nicht schon idyllisch genug, entdecken wir dann auch noch die Fontana delle Ninfee, eine Kaskadenbrunnenanlage vom römischen Architekten Gaspare De Fiore – einst prachtvoll, inzwischen aber stillgelegt. Trotzdem irgendwie charmant.
Unter den Laubengängen der Via 20 Settembre schlendern wir weiter – dummerweise in die völlig falsche Richtung. In unserer Euphorie haben wir nämlich nicht bemerkt, dass der Corso Italia irgendwo mittendrin ein 90°-Knie nach rechts aufweist.
- Kaskadenbrunnenanlage
- Wir schlendern weiter.
Da uns die Sache – obwohl wir in Italien sind – spanisch vorkommt, fragt Susanne nach dem Weg. Die Antwort, wortreich und italienisch: „Tornate in Piazza Italia, poi girate a destra, imboccate Corso Vigano e proseguite in Via Alessandria. Dopo 300 metri, siete arrivati.“
Ich habe nur „Piazza Italia“ und „destra“ verstanden. Am Piazza Italia also irgendwie rechts. Okay, dann geh’n wir halt. Und siehe da, es klappt. Fünf Minuten später sind wir am Fußweg am Parco del Castello, wo wir vor knapp einer Dreiviertelstunde die Aufnahme mit dem Selbstauslöser gemacht haben. Weitere fünf Minuten später sind wir dann wieder am Bahnhof.
Cappuccino, Teil 2
Halb zwei. Wie wär’s mit einem Cappuccino? Der letzte ist ja immerhin schon eine Stunde her. Die Barista ist völlig aus dem Häuschen und ich sage immer nur „Bellissimo“, was auch immer das bedeutet und mache mit beiden Händen die „Daumen-hoch-Geste“. Sie lacht. Vielleicht weil sie denkt, wir übertreiben. Tun wir nicht!
- Reif für den nächsten Cappuccino
- Susanne lobt den Cappuccino im Tagebuch.
Acqui Terme war einfach „Wow“! Das hat der Seele richtig gutgetan. Alles hier war so herrlich: Die Gässchen, die dampfende Bollente-Quelle mitten in der Stadt und allem voran der weltbeste Cappuccino. Da vergisst man doch schnell, dass mich am Hotel Cruise ein Depp richtig blöd eingeparkt hat und dass das Tomtom zu blöd ist, um unterbrochene Straßen zu erkennen. Und wie war das noch mit der Autobahn? Ich habe nur noch eine vage Erinnerung an die vielen LKW und das „stundenlange“ Warten auf das Wechselgeld an der Mautstelle Marcallo – Mesero.
Acqui Terme hat alle Sorgen weggeschwemmt. Mit Espresso, heißem Wasser, perfektem Milchschaum und dem beruhigenden Gefühl, dass die Zeit hier anders tickt – langsamer, weicher, großzügiger. So im Rückblick erscheint mir Acqui Terme wie eine Episode auf dem Weg ins Paradies (mit meiner „Eva“ im Blumenkranz).
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